Budge-Stiftung: Perspektiven in der Pflege

Rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt die Henry und Emma Budge-Stiftung in ihrer Einrichtung in Frankfurt-Seckbach. Sie bilden ein multikulturelles Team, in dem Jung und Alt partnerschaftlich zusammenarbeiten. 175 Senioren nutzen den Service im Bereich "Betreutes Wohnen" und 160 Bewohner werden im Pflegeheim der Budge-Stiftung betreut, behandelt und versorgt – von Pflegekräften, Fachpersonal und Helfern, die schon in den vergangenen Jahren nicht einfach zu finden waren.

Vorurteile überwinden

Direktor Heinz Rauber (Mi.) hat gute Erfahrungen mit der Einstellung von älteren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen gemacht. Als Küchenhelfer beschäftigt er Wolfgang Odenwald und Hassan Jamuni, die längere Zeit arbeitslos waren und vom Jobcenter betreut wurden.

Auch die Budge-Stiftung macht die Erfahrung, dass es zunehmend schwerer wird, geeignete Mitarbeiter für diese anspruchsvolle Aufgabe zu finden. "Weil vor allem Fachpersonal fehlt, gilt es, Wege und Möglichkeiten zu finden, um den oft zitierten 'Pflegenotstand' zu verhindern", meint Direktor Heinz Rauber, "und dafür müssen wir vor allem auch Vorurteile überwinden." Vorurteile, die sich beispielsweise gegen Ältere und gegen Landzeitarbeitslose richten. Die Budge-Stiftung beschäftigt nicht nur ältere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern stellt auch Bewerber ein, die die Grenze von 50 Jahren überschritten haben. Auch eine längere Arbeitslosigkeit ist kein Einstellungshindernis für die Seckbacher Einrichtung. "Jeder wird gebraucht, jeder hat eine Chance", bekräftigt der Direktor sowohl aus innerer Überzeugung, als auch aus der praktischen Erfahrung in der Personalarbeit heraus.

Christian Miehrig, Personalreferent der Budge-Stiftung, erwähnt als Beispiel die 60-jährige Pflegefachkraft, die eingestellt wurde, als sie längst nicht mehr mit einem neuen Job gerechnet hatte, und ein wertvolles Mitglied im Team ist. Miehrig erinnert sich auch an William Strott, der nach längerer Arbeitslosigkeit vor einigen Jahren mit 58 als Hausmaler eingestellt wurde, bis zur Rente gearbeitet hat und jetzt noch gelegentlich aushilft. "Ein Gewinn für beide Seiten", zieht Heinz Rauber das Fazit einer Personalpolitik ohne Scheuklappen und Vorurteile. Die Lebenserfahrung älterer Bewerber betrachtet er als einen Vorteil. "Ruhe, Gelassenheit und Überblick zählen, wir brauchen keine Hektik in einem Umfeld von Senioren."

Ute Hausen-Bulut war Kundin des Jobcenters Frankfurt am Main, bevor sie in der Budge-Stiftung eingestellt und zur Betreuungskraft ausgebildet wurde. Das ist für sie "wie ein Sechser im Lotto".

"Wie ein Sechser im Lotto!" Ute Hausen-Bulut, Jahrgang 1950, wurde vom Frankfurter Team "Jobs für best!agers" betreut und ist glücklich darüber, mit ihrem 33-Stunden-Job jetzt nicht mehr auf staatliche Unterstützungsleistungen angewiesen zu sein. Das Finanzielle ist für sie aber nur die eine Seite. Sie hat in ihrem Leben viele Jobs gemacht und keine Arbeit gescheut. In jungen Jahren begann sie eine Lehre zur Bürokauffrau, die sie aus familiären Gründen aber nicht abschließen konnte, war später auch Hilfskraft und Verkäuferin. Krankheit und Behinderung in ihrem unmittelbaren familiären Umfeld waren die Begleiter über lange Zeit. Die Budge-Stiftung hat ihr schließlich die Ausbildung zur Betreuungskraft nach § 87 b SGB XI und die Beschäftigung als Präsenzkraft und Alltagsbegleiterin ermöglicht. Für Ute Hausen-Bulut ist klar: "Ich wollte immer mit älteren Menschen arbeiten. Die Aufgabe erfüllt mich. Hier bin ich im Leben angekommen."

Erfahrungen

Personalreferent Christian Miehrig (li.), Geschäftsführer Heinz Rauber  (Mi) und Jürgen Storm (re.) vom Projektteam "Jobs für best!agers" des Jobcenters Frankfurt am Main.

Personalreferent Christian Miehrig arbeitet bereits seit mehreren Jahren kontinuierlich und erfolgreich mit dem Projektteam Frankfurt zusammen. Mit Unterstützung von "Jobs für best!agers" hat er Ute Hausen-Bulut, den Haushandwerker William Strott, zwei ältere Pflegefachkräfte, mehrere Helfer im Küchenbereich, eine Empfangskraft und eine ganze Reihe anderer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gefunden.

Die Budge-Stiftung gibt auch Seiteneinsteigern eine Chance, wenn die persönlichen Voraussetzungen passen, und auch Bewerber/-innen jenseits der 40 oder 50 sind nicht zu alt für eine Ausbildung in der Pflege. "Von den Mitarbeitern, die das Jobcenter vermittelt hat, sind alle geblieben, keiner ist in der begleitenden Ausbildung zur Betreuungskraft abgesprungen", bemerkt Christian Miehrig. Nach seiner Erfahrung sind die finanziellen Förderleistungen und Eingliederungszuschüsse des Jobcenters ein wichtiger Faktor bei der Wiedereingliederung von Langzeitarbeitslosen. "Ohne diese Förderinstrumente wäre die Integration schwieriger", stellt Heinz Rauber fest. "Andererseits kann es sich die Gesellschaft nicht länger leisten, auf das wertvolle Potenzial der Älteren zu verzichten."

Die Budge-Stiftung

Ein Pflegeheim und eine Seniorenwohnanlagen bilden den modernen Gebäudekomplex der Henry und Emma Budge-Stiftung am Fuß des Frankfurter Lohrbergs. Das Besondere der Einrichtung ist im Stiftungszweck verankert: Henry und Emma Budge wollten jüdischen und christlichen Bewohnern ihres Altenheims ein würdevolles und weitgehend von Sorgen befreites Altwerden ermöglichen. Die 1920 gegründete Stiftung baute zu diesem Zweck bereits im Jahr 1930 das seinerzeit modernste Altenheim in Frankfurt im Stil der Bauhausarchitektur am Dornbusch. Das Leben im Haus war von religiöser Vielfalt und Toleranz geprägt. Wirtschaftliche Unterschiede wurden durch die finanzielle Unterstützung des Stifterehepaars ausgeglichen. Diese vorbildliche Altenhilfeeinrichtung konnte ihre Wirkung jedoch nicht entfalten, da die Nationalsozialisten bereits 1933 die Zerschlagung und später die Auflösung der Stiftung betrieben.

Jüdische und christliche Frankfurter Bürger ergriffen nach 1945 die Initiative und schufen eine neue Altenhilfeeinrichtung auf der Grundlage der Ideen und Ziele von Henry und Emma Budge. Seit 1968 leben Juden und Christen in der Budge-Stiftung wieder unter einem Dach. Sie ist eine einzigartige Einrichtung in Deutschland: Ältere Menschen jüdischen und christlichen Glaubens praktizieren ein friedliches Zusammenleben.

Pflegeheim und Betreutes Wohnen

Das Pflegeheim der Budge-Stiftung bietet 32 moderne, behindertengerecht ausgestattete Einbett- und 64 Zweibettzimmer für insgesamt 160 Bewohner. Um sie kümmert sich der Soziale Dienst und übernimmt vielfältige Aufgaben wie z. B. die sozialadministrative Betreuung und Unterstützung bei Anträgen und führt neue Bewohner in die Hausgemeinschaft ein. Das Pflegeheim bietet auch die Möglichkeit, Senioren im Rahmen der Kurzzeit und Verhinderungspflege für einen Zeitraum von 14 bis 28 Tagen zu betreuen.

Die Budge-Stiftung unterhält den ambulanten Pflegedienst "Esra", in dem ein qualifiziertes Team nach dem Konzept der aktivierenden Pflege arbeitet, um die Selbstständigkeit der Senioren im täglichen Leben zu erhalten bzw. wiederherzustellen. "Esra" betreut auch demenziell erkrankte Menschen, die in ihrer eigenen Wohnung leben. Zur Entlastung der pflegenden Angehörigen können sie einmal wöchentlich bei einem dreistündigen Treffen in der Budge-Stiftung durch Fachkräfte betreut werden.

Im Bereich "Betreutes Wohnen" stehen 160 Ein-, Zwei- und Dreizimmerwohnungen für Senioren zur Verfügung. Jeder Mieter kann Leistungen nach seiner eigenen Bedürfnislage individuell in Anspruch nehmen. Neben den Senioren können auch Menschen mit körperlichen Behinderungen im Alter von 18 bis 65 Jahren im Betreuten Wohnen aufgenommen und in einer Wohnung innerhalb oder außerhalb der Budge-Stiftung betreut werden. Das Ziel liegt darin, eine eigenständige Lebensführung zu eröffnen und zu erhalten sowie eine soziale Eingliederung und Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu fördern.